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Die Masse als Ring

Das Museum als Wir-Höhle

Alles ist rund. Nicht nur wegen dem Ball und den Stadien. Wer das »Fifa World Museum« in Zürich besucht, findet sich in einer Abfolge kreisrunder Säle. Die meisten sind unterirdisch. Sie erinnern an die Dome von Ledoux und Étienne-Louis Boullée aus der Zeit der Revolutionsarchitektur, jedoch ohne düsteren Schauer. Im Gegenteil, sie funkeln, sie spiegeln, sie strahlen und feiern sich. Schon zu Anfang eine Kleinarena mit schwarzem Sitzmöbel, eine Mittelpunktillusion inmitten einer optisch überhitzten Mischung aus Businesslounge, Seaworld und Kristallwelten. Rundum zirkulieren Videobilder. Buben spielen auf afrikanischem Sand und Mädchen im Dschungel zwischen baumlangem Bambus. Die Botschaft ist klar: Der Fußball schafft eine globale Menschheitsfusion, die alle Unterschiede – Herkunft, Alter, Hautfarbe etc. – hinfällig macht. Vor dem Ball sind alle gleich. Auf hüfthohen Vitrinen, die ein Kreissegment bilden, sind die Trikots aller Mitgliedsländer der Fifa ausgestellt. Der Konvent fußballspielender Nationen ist nach Farben geordnet, beginnend mit Gelb, Blau und Grün, dann Weiß und zuletzt Rot. Dass Rot die Mehrheit bildet und rechts außen platziert wird, ist wohl unumgänglich. Nationen sind nicht mit politischen Programmen zu verwechseln. Die Fifa präsentiert sich als eine Art Parlament, auch wenn alle wissen, dass mitunter Käuflichkeit und Korruption den Zusammenhalt prägen.

Im unteren Geschoß wird die Geschichte der Weltmeisterschaften erzählt. Auch dort ein Themenpark universaler Chancengleichheit. Dies führt zu inhaltlichen Blüten. Die Spaltung zwischen Sieger und Nicht-Sieger, eigentlich das Sakrament aller modernen Ereigniskulte, wird unterdrückt, um das politische Generalmotiv der Ausstellung, die Gleichheitsregel, nicht zu unterlaufen. Im Museum gibt es keine Sieger, nur Diversität. Und im Fußball?

Am Ende folgt eine Filmvorführung. Früher waren Inhalt und Form verzahnt, heute sind es offenbar Leere und Erregung. Inszenierter Gefühlstaumel täuscht über mangelnde Glaubwürdigkeit hinweg. Auf einer kreisförmig gekrümmten Leinwand selbstverständlich. Zu sehen sind Ausschnitte aus der Fifa-Fußballgeschichte: die schönsten Tore, die spektakulärsten Saves, die grässlichsten Fouls, die glücklichsten Champions. Hier schwillt die Ausstellung zu einer geölten Schwärmerei und Massenhysterie, die den Erregungskurven in den Stadien ähnlich werden soll. Ausschlaggebend sind weniger die Bilder als die musikalischen Wirkungen, abwechselnd Aufschrei und Melodram, narkotisch und perfide. Elias Canetti hatte die “Masse als Ring” beschrieben. Er meinte nicht nur die architektonischen und theatralen Verhältnisse des Sports und der Stadien, sondern die akustische Einmütigkeit, die Lärmglocke der Emotion. Wer die ca. 15 Minuten in dieser Wir-Höhle übersteht, wird mit einem verglasten Lift zur Spielzone geleitet. Sie sieht ein wenig aus wie ein plastifizierter Minigolfplatz. Die Kids lieben ihn trotzdem. Auch der Familienvater aus England ist froh, endlich Fußballflipper spielen zu dürfen, nach all dem aufgestauten Adrenalin und dem satten Eintrittspreis von 24.- Schweizer Franken.

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