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Dit is Berlin

Auswärtige kennen das: Wer es wagt, den Berliner Schlendrian, mangelnde Ziviltugenden oder den allzu großzügigen Umgang mit anderer Leute Geld zu kritisieren, erntet zumeist ein schulterzuckendes „Dit is Berlin, wa!“ Die BVG macht sogar Werbung mit ihrer Inkompetenz. Und alle finden es lustig. Jetzt nicht mehr. Die ebenfalls gern ausgesprochene Empfehlung, man könne ja wieder in den Westen gehen, wenn es einem nicht passt, hat die Kölnmesse in die Tat umgesetzt und nach nur drei Ausgaben die Kunstmesse art berlin dichtgemacht. Sie beschränkt sich in Zukunft auf ihre beiden Kölner Veranstaltungen Art Cologne und Cologne Fine Art and Design.

Und Berlin steht wieder ohne Kunstmesse auf internationalem Niveau da. In der Bundeshauptstadt wird schon so lange vor sich hingestümpert und -intrigiert, dass es eigentlich nur eine Frage der Zeit war, bis der Karren vor die Wand fährt. Bereits das Art Forum Berlin in den Messehallen hatte unter mangelnder Unterstützung durch die Politik und die Galeristen aus dem Kreis des Gallery Weekend Berlin GWB zu leiden. Die einen haben nie verstanden, dass die Kunstmesse mehr für den Kunststandort ist als eine reine Verkaufsschau, die anderen wollten ihre Kunden nicht mit auswärtigen Wettbewerbern teilen. Beides war kurzsichtig und führte zum Ende des Art Forums. Das von eben jenen GWB-Galeristen aufgezogene Ausstellungsformat art berlin contemporary wollte nie eine reguläre Messe sein und war es auch nie. Vor allem wirtschaftlich nicht.

abc krankte immer daran, dass ihre Macher nicht mit dem Rest der lokalen Kunstszene zusammenarbeiten wollten. Und die Politik wollte sich immer noch nicht für die vermeintliche Kommerzveranstaltung engagieren. Die Kompromissformel war die Berlin Art Week, bei der die landeseigene Kulturprojekte Berlin GmbH Senatsgelder verteilte und ein lauwarmes Beiprogramm verwaltete. Als dann die Art Cologne bei abc einstieg, sah man sich offensichtlich aus der Verantwortung für die Kunstbranche entlassen. Die eigenwillige Vermietungspolitik der ebenfalls landeseigenen Tempelhof Projekt GmbH hat der Kölnmesse jetzt den Rest gegeben. Allzu groß war ihr Interesse an der ressourcenbindenden Veranstaltung nach dem Ausstieg der Art Basel-Mutter MCH Group beim Wettbewerber Art Düsseldorf womöglich ohnehin nicht mehr.

Die Kölner hingegen haben sich mit ihrer eigenen Highlander-Attitüde (Es kann nur Einen geben!) im Berliner Biotop selbst isoliert. Statt sich mit der kleineren Positions zusammenzutun, um gemeinsam für den Standort Berlin im Allgemeinen und Tempelhof im Speziellen zu arbeiten, haben sie die ungute Tradition der abc übernommen und versucht, dem vermeintlichen Widersacher von nebenan das Leben schwer zu machen. Das hatte vor zwei Jahren zu der absurden Situation geführt, dass die kleinere Veranstaltung in ihrer Not ebenfalls nach Tempelhof ziehen musste und plötzlich direkter Nachbar der art berlin war. Doch statt sich im Sinne der Besucher zu arrangieren und die Abfertigungshalle als weltstädtisches Entree zu nutzen, mussten diese nun beide Messen durch zwei weit voneinander entfernt und eher schäbig wirkende Eingänge betreten. Weltstädtisch wirkte das nicht.

Verloren haben am Ende alle Beteiligten, vor allem aber die Kunstszene Berlins. Die historisch einmalige Gelegenheit, als die deutsche Hauptstadt ab den Nuller-Jahren Künstler aus aller Welt anzog und sich zum Zentrum der Kunstproduktion und des Diskurses auf Augenhöhe mit New York und London aufschwang, ist verschenkt. Dit is Berlin, wa.

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Abbildung: Quelle: Tempelhof Projekt GmbH, www.thf-berlin.de

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